Zeitmodell Evaluierung

Warum in Dachsberg die Uhren anders ticken…

Förderung und Stärkung des selbstverantwortlichen und selbstständigen Lernens in der Schule durch das NEUE ZEITMODELL im rhythmisierten Lernmodus

Am Schulstandort Dachsberg ist im Jahr 2017 beschlossen worden, den Hauptschwerpunkt in der Schulentwicklung auf die Rhythmisierung der Unterrichtszeit zu legen – „Zeit“ wird neu gedacht. Der qualitative Aspekt in der Stundentaktung hat in der Schule Eingang gefunden. Es hat für alle Beteiligten eine Entschleunigung stattgefunden. „Der Augenblick weilt länger“, um Goethe zu zitieren. Die Rahmenzielvorgabe des Unterrichtsministeriums war „Weiterentwicklung des Lernens und Lehrens an AHS in Richtung Individualisierung und Kompetenzorientierung. In Dachsberg erfolgt seit 2017 eine Art von „Slow down education“.

Seit Implementierung des Neuen Zeitmodells wird jährlich eine Evaluation, begleitet von der PH OÖ, durchgeführt. Covid 19 mit den folgenden Lockdowns war der erste Prüfstein für das Neue Zeitmodell in Dachsberg, nämlich inwieweit es praxistauglich war beim Homeschooling. Gerade ein pädagogisch gehaltvolles Lernen im Sinne einer erfahrungsbezogenen Veränderung beinhaltet, sofern es sich um bewusste Lernprozesse handelt, zwingend eine Reflexion bzw. Evaluation dieser Erfahrungen. Hier im Folgenden Ergebnisse zur Auswertung (evidenzbasierte, empirische Untersuchungen) der im Juni 2020 stattgefundenen Befragung der Schüler*innen (n= 659). Unter anderem abgefragt wurden der Wohlfühlfaktor, die schulischen Leistungen, die Einschätzung der Eigenverantwortlichkeit beim Homelearning und die Vorbereitung auf das Homelearning durch die Einführung des Neuen Zeitmodells. Ersichtlich ist, dass alle Befragungsergebnisse in einem sehr positiven Wahrnehmungsbereich seitens der Schüler*innen liegen.

Warum die Umstellung auf eine neue Rhythmisierung des Unterrichts in Dachsberg?

Mit dieser Rhythmisierung, dem Neuen Zeitmodell, will man eine neue Strukturierung der Unterrichtssequenzen implementieren. Dieses Modell sieht variable Zeiteinheiten für den Unterricht vor und löst das starre Raster der 50 Minuten-Unterrichtseinheiten ab. Der Begriff ist u.a. orientiert an der Forschung zum Biorhythmus des Menschen, welcher tageszeitlichen, periodischen Schwankungen, wie Aufmerksamkeits-, Anspannungs- und Entspannungsphasen unterworfen ist. Durch eine flexiblere Gestaltung der Unterrichtseinheiten soll dem Bedürfnis nach regelmäßigem Wechsel von Konzentrations- und Entspannungsphasen Rechnung getragen werden. Längere Unterrichtsphasen lassen dem einzelnen Schüler mehr Raum für die intensive Beschäftigung mit einem selbst gewählten, den eigenen Interessen entsprechenden Thema und weiters für neigungsorientiertes, entdeckendes Lernen. Auch lässt diese Zeitstruktur eine bessere Selbstorganisation zum Lernen zu. Die Schüler*innen werden in den Unterrichtseinheiten angeleitet zum selbstständigen und selbstorganisierten Lernen.

Erfolgreiches Lernen muss laut schulpsychologischen Aussagen mit persönlichen Aneignungs- und Verstehensprozessen in Verbindung stehen. Erst dann beginnt der Jugendliche, das sich selbst angeeignete Wissen zu verstehen, zu vernetzen und schließlich im Alltag anzuwenden. Selbstgesteuertes bzw. selbstreguliertes Lernen sind Schlüsselkompetenzen und hängen positiv mit Lernerfolg und Leistung zusammen. Insbesondere im Studium und im Berufsleben gelten SRL-Kompetenzen als unabdingbar, da hier Aufgaben, Stoff und Lernumgebung oft nur noch wenig strukturiert sind. Selbstreguliertes Lernen (SRL) bedeutet, dass Lernende sich eigenständig Ziele für ihren Lernprozess setzen, Strategien auswählen und anwenden, um diese Ziele zu erreichen, den Lernprozess überwachen, das Ergebnis ihres Handelns bewerten und die Erkenntnisse daraus für zukünftiges Lernen nutzen können. SRL ist v.a. in herausfordernden Situationen wichtig. SRL entwickelt sich nicht automatisch mit dem Alter und Studien zeigen, dass Schüler*innen und Studierende häufig Defizite aufweisen. Häufig haben sie Probleme, das Wissen über Lernstrategien auch anzuwenden. Zum Aufbau von SRL-Kompetenzen braucht es daher gezielte Unterstützung.[1]

Das eigenverantwortliche Lernen darf keinesfalls missverstanden werden und es soll nicht heißen, dass die Schüler*innen ihren Lernstoff selbst und auf sich allein gestellt erarbeiten sollen bzw. müssen. Durch das Neue Zeitmodell wird versucht, den Faktor der intrinsischen Motivation beim Lernen zu erhöhen.

Ein wichtiger Unterschied, welcher im Zeitmodell eine Schwerpunktsetzung erfahren soll, ist die Unterscheidung zwischen Allgemeinwissen und Allgemeinbildung. Entscheidend ist unter Bildungsgesichtspunkten letztendlich der Unterschied zwischen „totem Wissen“ und „lebendigem Wissen“: Ersteres wird beispielsweise beim unreflektierten Auswendiglernen eines Kapitels aus einem Lehrbuch erworben, Letzteres hingegen bietet Verknüpfungsmöglichkeiten zu anderen Wissensbeständen und umfasst damit sog. „Verweisungszusammenhänge“. Grundsätzlich gilt: Ohne die bewusste Reflexion des Gelernten und Erfahrenen bleibt Bildung bestenfalls Halbbildung. Nach Theodor W. Adornos (Theorie der Halbbildung, 1962) Begriffsverständnis meint diese aber nicht etwa, lediglich über leicht überschaubare Wissensinhalte, über ein Halbwissen, zu verfügen. Vielmehr muss auch, wer sich Unmengen an Wissensbeständen angeeignet hat, als lediglich halbgebildet gelten, sofern er / sie das Gelernte nicht auch begriffen hat und somit auf der Ebene bloßer Informiertheit verharrt.[2]

Mit der Rhythmisierung der Stunden hin zur Qualität der Unterrichtseinheit wird versucht, das Konzept der humanistischen Bildung zu gewährleisten. Es wird versucht, die Selbstbildung der Jugendlichen in den Vordergrund zu stellen. Junge Menschen sollen selbstreflexiv und verantwortungsbewusst ausgebildet werden.

Die Hauptcharakteristika, Primärzielsetzungen und wichtigsten Inhaltsdimensionen im Neuen Zeitmodell sind im Einzelnen:[3]

  • ein freiheitliches und befreiendes Lernen
  • ein kognitives und reflexives Lernen – im Gegensatz zum Mechanischen Lernen (auswendig lernen)
  • ein identitätsstiftendes und wert- bzw. sinnorientiertes Lernen
  • ein ganzheitliches und gegenwarts- bzw. zukunftsbezogenes Lernen

[1] vgl. https://bildung-psy.univie.ac.at/forschung/aktuelle-forschungsthemen/selbstreguliertes-lernen/

[2] Vgl. Bernd Lederer (Hrsg.): Bildung: was sie war, ist, sein sollte. Zur Bestimmung eines

strittigen Begriffs. Baltmannsweiler 2011

[3] Vgl. Lederer Bernd, „Bildung“: was sie war, ist, sein sollte. Zur Bestimmung eines strittigen Begriffs